Was Lehrkräfte an weiterführenden Schulen jetzt wissen müssen
Es ist Montagnachmittag. Zwei Lehrerinnen stehen im Lehrerzimmer. Die eine sagt: ‚Ich habe das Gefühl, in meiner 7b läuft irgendwas. Aber ich kann nicht sagen, was.‘ Die andere nickt. ‚Bei mir auch. Die Klasse ist so… angespannt.‘
Was die beiden beschreiben, ist kein Zufall. Es ist ein Signal. Und es ist genau das Problem mit Mobbing an weiterführenden Schulen: Es ist da – aber man sieht es nicht direkt.
Pubertät verändert alles - auch Mobbing
Wer Mobbing an weiterführenden Schulen verstehen will, muss zuerst verstehen, was in der Pubertät mit jungen Menschen passiert. Denn die Pubertät ist nicht einfach ein ärgerlicher Lebensabschnitt. Sie ist die Phase, in der Identität entsteht.
Jugendliche lösen sich von den Eltern ab. Die Peergroup wird zur wichtigsten Bezugsgruppe. Zugehörigkeit ist kein Wunsch mehr – sie ist ein psychologisches Grundbedürfnis. Wer ausgeschlossen wird, verliert nicht nur Freundschaften. Er verliert ein Stück davon, wer er ist.
Genau das macht Mobbing in der Adoleszenz so gefährlich. Und genau das erklärt, warum Jugendliche seltener Hilfe suchen als Grundschulkinder: Zugeben, dass man gemobbt wird, bedeutet, die Verletzung zu bestätigen – öffentlich, in der Gruppe, in der man ohnehin schon nicht dazugehört.
Wie Mobbing in der Adoleszenz aussieht
Wer in einer Grundschulklasse nach Mobbing sucht, findet häufig sichtbare Vorfälle: Schubsen, lautes Beschimpfen, öffentliche Ausgrenzung. An weiterführenden Schulen ist das anders.
Hier ist Mobbing subtiler, sozialer, strategischer. Die häufigste Form: relationale Aggression. Ein Kind wird aus Gruppen ausgeschlossen. Kein Wort wird direkt zu ihm gesagt – aber alle wenden sich ab, wenn es kommt. Klassenchats, aus denen eine Person systematisch herausgehalten wird. Blicke, die alles sagen. Gerüchte, die schweigend weitergetragen werden.
Täterinnen und Täter in dieser Altersgruppe verfügen häufig über überdurchschnittliche soziale Kompetenz. Sie wissen, wie Gruppendynamiken funktionieren. Sie nutzen sie bewusst. Das macht klassische Interventionen schwieriger – weil es kaum Beweise gibt.
Wenn Mobbing digital wird
Cybermobbing ist keine eigene Kategorie – es ist die Fortsetzung klassischen Mobbings mit anderen Mitteln. An weiterführenden Schulen sind diese Bereiche heute kaum noch zu trennen.
Was Cybermobbing so belastend macht: Es gibt keinen Schutzraum mehr. Das Mobbing folgt dem Opfer nach Hause, ins Kinderzimmer, in die Nacht. Laut SINUS-Jugendstudie 2023/24 der Barmer haben bereits 61 Prozent der befragten Jugendlichen Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht. 17 Prozent waren 2022 akut davon betroffen.
Besonders riskant: Was im Netz landet, bleibt im Netz. Beleidigungen, Fotos, Screenshots – sie können sich unkontrolliert verbreiten. Und die Hemmschwelle für Grenzverletzungen sinkt enorm, wenn man das Opfer nicht direkt sehen muss
Ein Thema, das öfter vorkommt als wir denken: Sexualisierte Grenzverletzungen
Körperliche Veränderungen, erste sexuelle Neugier, Medienkonsum – und gleichzeitig die soziale Arena der Peergroup. Die Pubertät ist die Phase, in der die Grenze zwischen beginnendem Interesse und Grenzverletzung besonders schmal ist.
Die Speak!-Studien der Philipps-Universität Marburg zeigen: Sexualisierte Peergewalt – vor allem in nicht-körperlichen Formen – ist an Schulen weitverbreitet. Mehr als die Hälfte der betroffenen Jugendlichen nennt die Schule als Hauptort. Sexuell aufgeladene Beschimpfungen, das Verbreiten von Gerüchten sexuellen Inhalts oder das unerlaubte Teilen von Fotos passieren im Alltag – und werden von Beteiligten oft als ‚Spaß‘ abgetan.
Forschung zeigt außerdem: Es gibt einen statistisch hochsignifikanten Zusammenhang zwischen schulischem Mobbing und sexualisierter Gewalt. Beide Phänomene teilen denselben Nährboden. Und beide erfordern denselben Grundschutz: eine klare Schulkultur, keine Toleranz für Grenzverletzungen – egal wie sie verpackt sind.
Was Sie jetzt konkret tun können
Mobbing an weiterführenden Schulen erfordert andere Werkzeuge als in der Grundschule – aber kein anderes Grundprinzip: Früh erkennen, klar handeln, nicht allein.
Warnsignale ernst nehmen
- Leistungsabfall ohne erklärbaren Grund
- Soziale Isolation: allein in der Pause, kein Anschluss in Gruppenarbeiten
- Verängstigung beim Blick aufs Smartphone
- Ein Kind fällt in der Klasse durch auffällige Angespanntheit auf
Strukturell handeln
- Regelmäßige Klassenratsstunden einführen und halten
- Klassen-Konventionen gemeinsam erarbeiten – Verbindlichkeit schaffen
- Vertrauenslehrkräfte mit klaren Rollen und Handlungssicherheit ausstatten
- Kollegium absprechen: Was tun wir, wenn wir etwas beobachten?
Im Ernstfall
- Schutz des Opfers zuerst – bevor Interventionen geplant werden
- Klassenkonferenz einberufen, Schulsozialarbeit und Schulpsychologie einbeziehen
- Elterngespräche getrennt führen – Opfer- und Täterseite niemals gemeinsam
- Vorfälle dokumentieren: Datum, Inhalt, Maßnahme, Ergebnis
Bei Verdacht auf sexualisierte Gewalt: sofort Schulleitung informieren
Fazit: Mobbing in der Adoleszenz ist kein Zufall
Mobbingprozesse an weiterführenden Schulen entstehen nicht aus dem Nichts. Sie entstehen, wo soziale Normen unklar sind, wo Erwachsene wegschauen, wo Kinder und Jugendliche keine Vorbilder für fairen Umgang erleben.
Die gute Nachricht: Das lässt sich beeinflussen. Lehrkräfte, die das Gruppengeschehen in ihrer Klasse aktiv gestalten, ein Klima schaffen, in dem Zugehörigkeit für alle gilt – und die wissen, wie sie handeln müssen, wenn etwas passiert – sind der wirksamste Schutzfaktor, den Jugendliche haben.
In meinen Seminaren bei LH Coaching arbeiten wir genau daran: Handlungssicherheit im Schulalltag. Für Mobbing, Cybermobbing und sexualisierte Gewalt – praxisnah, klar strukturiert, direkt anwendbar.


