Mobbing endet nicht durch guten Willen

BLOG | LH COACHING   |   Mobbingprävention   |   Für Lehrkräfte

Warum systemisches Denken der entscheidende Unterschied ist – und welche Methoden wirklich helfen

Sie kennen dieses Gefühl: Sie haben bemerkt, dass etwas in der Klasse nicht stimmt. Ein Kind sitzt immer allein. Andere kichern, wenn es etwas sagt. Sie haben das Gespräch gesucht, Regeln eingeschärft, mit den Eltern gesprochen. Und dann: Es wird wieder schlechter. Oder es hört kurz auf – und beginnt drei Wochen später von vorn.

Mobbing endet nicht durch guten Willen. Und es endet auch nicht, wenn man nur mit dem Täter oder der Täterin spricht. Es endet nur, wenn man das System versteht – und auf allen Ebenen gleichzeitig handelt.

Mobbing ist kein Problem zwischen zwei Individuen. Es ist ein Gruppenphänomen, das in einem System entsteht – und das nur durch systemisches Handeln dauerhaft aufgelöst werden kann. (Olweus 1994; Salmivalli 1996)

Was Mobbing wirklich ist – und was nicht

Die Unterscheidung ist kein akademischer Luxus. Sie ist der erste Schritt zu wirkungsvoller Intervention. Mobbing liegt vor, wenn drei Kriterien gleichzeitig erfüllt sind: Wiederholung, Dauer und ein stabiles Machtungleichgewicht. Was einmal passiert, ist ein Konflikt. Was sich über Wochen wiederholt, mit einem Opfer, das sich nicht wirksam wehren kann, ist Mobbing.

Diese Unterscheidung entscheidet, welche Methode Sie einsetzen. Wer eine Farsta-Methode bei einem Streit anwendet, richtet Schaden an. Wer bei echtem Mobbing auf einen Klassenrat hofft, wartet zu lange.

Das Rollensystem: Nicht nur Täter und Opfer

Christina Salmivalli hat in den 1990er Jahren beschrieben, was sich seitdem als einer der wichtigsten Befunde der Mobbingforschung erwiesen hat: Alle Klassenmitglieder spielen eine Rolle. Nicht nur Täter und Opfer – auch Assistierende, Mitlaufende, Zuschauende und die seltenen Verteidigenden.

Diese Erkenntnis hat enorme praktische Konsequenzen. Der Klassenclown, der lacht, wenn das Opfer beschimpft wird, ist kein Unbeteiligter. Der Mitschüler, der wegschaut, stabilisiert das System durch seine Passivität. Die Freundin, die aufhört, mit dem Opfer zu sitzen, weil sie selbst Angst hat, ist Teil der Dynamik.

Das wirkungsvollste Einzel-Präventionselement, das wir kennen, ist die Aktivierung der schweigenden Mehrheit. Wer Zuschauende zu Verteidigenden macht, verändert das Mobbinggeschehen nachhaltiger als jede Intervention mit dem Täter allein. (Salmivalli; KiVa-Programm, Universität Turku)

Pubertät als Brandbeschleuniger

Wenn Mobbing an weiterführenden Schulen nicht aufhört, liegt es oft daran, dass niemand die Entwicklungspsychologie mitdenkt. In der Pubertät verändert sich die Basis, auf der soziale Dynamiken entstehen.

Die Peergroup wird zur wichtigsten Bezugsgruppe. Zugehörigkeit ist kein Wunsch mehr – sie ist ein psychologisches Grundbedürfnis. Ausgeschlossen zu werden trifft Jugendliche tiefer als jede andere Lebensphase. Mobbing in der Adoleszenz ist deshalb soziale Aggression auf dem empfindlichsten Terrain, das Menschen kennen.

Gleichzeitig werden Mobbingmuster subtiler. Lehrkräfte sehen weniger – aber die Schäden werden größer. Das Alter zwischen 10 und 14 Jahren ist das Hochrisikofenster: Schulwechsel, Pubertätsbeginn und neue Gruppen fallen zusammen. Wer in dieser Phase frühzeitig interveniert, verhindert Eskalation.

Schulangst: die unsichtbare Folge

Schulangst wird als Thema oft getrennt von Mobbing behandelt. Das ist ein Fehler. Die Verbindung ist bidirektional: Mobbing erzeugt Schulangst – und Schulangst erhöht das Risiko, zum Mobbingopfer zu werden.

Wenn ein Kind sich weigert, in die Schule zu gehen, häufig krank ist oder unerklärbaren Leistungsabfall zeigt, ist Mobbing eine der wichtigsten möglichen Ursachen. Und wenn ein Kind aufgrund von Angst schweigt, isoliertes Verhalten zeigt und auf Ablehnung sensitiv reagiert, ist es für die Täterseite ein leichteres Ziel.

Konsequenz für Ihre Praxis: Schulangst und Mobbing müssen immer gleichzeitig angeschaut werden. Das eine ohne das andere zu behandeln, greift zu kurz.

Wenn Mobbing sexuell aufgeladen ist

Eine Form von Mobbing, die in der pädagogischen Praxis oft zu spät erkannt oder falsch eingeordnet wird, ist sexualisiertes Mobbing. Sexuell aufgeladene Beschimpfungen, das Verbreiten intimer Bilder oder körperliche Übergriffe in Mobbingkontexten sind keine Sonderform des Konflikts – sie sind Straftaten.

Die Speak!-Studien (Maschke/Stecher, Philipps-Universität Marburg) belegen: Wer gemobbt wird, ist statistisch signifikant häufiger auch von sexualisierter Peergewalt betroffen. Beide Phänomene teilen denselben Nährboden.

Bei sexualisierten Mobbingformen gilt: sofort Schulleitung informieren, externe Fachstellen einschalten, Kinderschutzprotokoll aktivieren. Keine eigenständige Klärungsversuche – die Schuld liegt bei der Täterseite, nicht beim Opfer.

Die drei Methoden, die Sie kennen müssen

No-Blame-Approach (NBA)

Entwickelt von Maines und Robinson, im deutschsprachigen Raum durch Beck und Blum verbreitet: Der NBA arbeitet ohne Schuldzuweisung. Er bildet eine Helfergruppe – inklusive der Täterseite – und gibt ihr den Auftrag, selbst Lösungen zu finden. Die Methode nutzt die soziale Energie der Gruppe konstruktiv.

Geeignet für: Testphase und frühe Konsolidierungsphase, besonders bei jüngeren Schülerinnen und Schülern. Erfordert eine NBA-Fortbildung und die Zustimmung des Opfers.

Farsta-Methode

Aus Stockholm, von Anatol Pikas: Farsta arbeitet konfrontativ. Die Täterseite wird simultan aus dem Unterricht geholt und von verschiedenen Lehrkräften mit ihrem Verhalten konfrontiert. Keine Rechtfertigungen werden akzeptiert, verbindliche Vereinbarungen werden schriftlich festgehalten.

Geeignet für: fortgeschrittene Konsolidierung und Manifestationsphase. Erfordert intensive Vorbereitung, Schulleitung, mehrere geschulte Fachkräfte und muss auf echtes Mobbing – nicht Konflikte – angewendet werden.

Ein dokumentierter Fall aus Baden-Württemberg (Stuttgarter Zeitung 2020) zeigt, was passiert, wenn Farsta falsch eingesetzt wird: Ein 12-jähriger Gymnasiast ohne vorliegendes Mobbing wurde einem ‚Verhör‘ durch drei Lehrkräfte unterzogen. Der Junge erlitt psychische Schäden, die Schule musste sich öffentlich entschuldigen. Methoden retten – aber nur, wenn sie korrekt angewendet werden.

Systemische Intervention (SMI / SKI)

Empfohlen durch klicksafe.de und Landesprävention: Die systemische Mobbing-Intervention (SMI) und die Systemische Kurzintervention (SKI) kombinieren lösungsorientierte Gesprächsführung mit dem systemischen Blick auf die gesamte Klassendynamik. Besonders geeignet für Schulen, die systemische Ansätze in ihrer Beratungskultur verankert haben.

Was wirklich hilft: Der Whole-School-Approach

Die Meta-Analyse von Ttofi und Farrington (2011) ist eindeutig: Schulweite Präventionsprogramme, die auf allen Ebenen gleichzeitig ansetzen, reduzieren Mobbingverhalten um 20–23 % und Viktimisierung um 17–20 %. Einzelmaßnahmen wirken kaum.

Das Olweus Bullying Prevention Programme und das finnische KiVa-Programm sind die beiden best-evaluierten Beispiele. KiVa richtet sich bewusst an die schweigende Mehrheit und zeigt: Nach dem ersten Implementierungsjahr sank Mobbing an über 1.000 finnischen Schulen signifikant. 98 % der Betroffenen berichteten über Verbesserungen.

Was das für Ihre Schule bedeutet: Kein Einzelprojekt, kein einzelner Projekttag, keine einzelne engagierte Lehrkraft kann Mobbing dauerhaft reduzieren. Es braucht ein schulweites Konzept, verankertes im Schulprogramm, getragen von der Schulleitung und gelebt im Alltag.

Ihr konkreter nächster Schritt

Wenn Sie heute einen Fall haben oder einen vermuten:

  • Dokumentieren Sie sofort: Datum, Beobachtung, Beteiligte – ohne Interpretation
  • Klären Sie: Mobbing oder Konflikt? Die drei Kriterien helfen
  • Informieren Sie die Schulleitung – kein Einzelkämpfertum
  • Holen Sie anonyme Beratung beim schulpsychologischen Dienst
  • Wählen Sie die richtige Methode für die Eskalationsstufe

Und wenn Sie generell handlungssicherer werden wollen: In meinen Seminaren bei LH Coaching arbeiten wir genau daran – systemisches Verständnis, Methodenkompetenz und Handlungssicherheit für den Schulalltag. Praxisnah, klar und direkt anwendbar.


📥 Kostenfreie Informationsbroschüre herunterladen

Handlungsempfehlungen bei Mobbing – kompakt und direkt einsetzbar für Ihren Schulalltag.


Ihr nächstes Seminar bei LH Coaching

Handlungsempfehlungen bei Mobbing – systemisch denken, wirkungsvoll handeln

www.lh-coaching.de


Über den Autor

Levi Hackbarth
Staatl. examinierter Ergotherapeut, Fachtherapeut für sensorische Integration, Seminarleiter für Kommunikation, Diskriminierung und Mobbing. Gründer Be Social e.V. | www.lh-coaching.de


Schlagwörter: Mobbing Schule Handlungsempfehlungen, No-Blame-Approach, Farsta-Methode, systemisches Denken Mobbing, KiVa-Programm, Olweus, Schulangst Mobbing, Pubertät Mobbing, Mobbingprävention Lehrkräfte, LH Coaching Seminar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen